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Der Roman schildert zum einen »die ›innere‹ Geschichte« seines Helden Anton Reiser, dessen Lebensstationen weitgehend, wie H. Eybisch bereits zeigen konnte, mit denen des Autors identisch sind; zum anderen aber ist es die nüchterne Studie einer zu Depression (»das schwarze Melancholische«) und Minderwertigkeitsgefühlen führenden psychischen Leidensgeschichte, deren Ursachen der Erzähler zu analysieren sucht: »Alle die Schmach, und die Verachtung, wodurch« Anton Reiser »schon von seiner Kindheit aus der wirklichen, in eine idealische Welt verdrängt worden war – darauf zurückzugehen hatte seine Denkkraft damals noch nicht Stärke genug, darum machte er sich unbilligere Vorwürfe«. Anton Reiser wächst in kleinbürgerlichen Verhältnissen auf, in Armut, vor allem aber in einer Atmosphäre neurotischer Frömmigkeit, da der Vater der – auf die Schriften der Madame Guyon (1648–1717) zurückgehenden – Sekte der Quietisten anhängt: »Unter diesen Umständen wurde Anton geboren, und von ihm kann man mit Wahrheit sagen, daß er von der Wiege an unterdrückt ward . . . In seiner frühesten Jugend hat er nie die Liebkosungen zärtlicher Eltern geschmeckt, nie nach einer kleinen Mühe ihr belohnendes Lächeln.« Zugleich aber führen diese religiösen Lebensformen, denen im 18. Jh. in Deutschland vor allem die pietistischen Gemeinden folgten, zu einer neuen Sprache der Empfindsamkeit und zu einem Bemühen um Selbstbeobachtung, auch zu einem durchaus modischen Trend zu religiöser Bekenntnisliteratur, indem das Individuum unmittelbar zu Gott in Beziehung gebracht wird und keine Vermittlung durch eine kirchliche Instanz mehr erfolgt. Früh schon flüchtet sich Anton Reiser in die Ersatzwelt der Bücher. Trotz seiner Begabung darf er die Lateinschule nur kurz besuchen, dann wird er einem ebenfalls quietistischen, vor allem an der Ausbeutung seiner Schutzbefohlenen interessierten Lehrherrn übergeben, dem Hutmacher Lobenstein in Braunschweig.
Inmitten einer Welt von Erniedrigung und Heuchelei werden ihm die Predigten des Pastors Marquardt zum tiefen geistigen Erlebnis. Auf der Armenschule in Hannover fällt der Junge durch seine Predigtnachschriften auf, gewinnt die Förderung der Lehrer und eine Unterstützung durch den Prinzen von Mecklenburg-Strelitz. Freitische und Almosen jedoch, von denen er lebt, lassen ihn seine quälende Situation nur um so mehr empfinden. Mit seinem Selbstbewußtsein sinken auch die Leistungen und sein Ansehen in der Klasse. Er flüchtet mit fanatischem Lesehunger in die Phantasiewelt der Romane. Youngs Nachtgedanken fördern seinen Hang zur Träumerei, an den Stücken Shakespeares entzündet sich seine entscheidende Leidenschaft: der Drang zum Theater, und unter dem Einfluß von Goethes Werther und Bürgers Lenore gelingt der Durchbruch zu eigener Poesie. Während einer seiner sich ständig verschärfenden, bis zu Selbstmordgedanken führenden Depressionen nimmt sich wiederum Pastor Marquardt des Vereinsamten an; eigene poetische Versuche und die hohe Auszeichnung, vor der Königin von England eine Rede in deutschen Versen halten zu dürfen, steigern sein Lebensgefühl. Die Freundschaft zu seinem Mitschüler, dem später berühmt gewordenen Schauspieler Iffland, schürt die Theaterleidenschaft, die in dem sehnlichsten Wunsch gipfelt, einmal den Clavigo, den Lear oder den Hamlet zu spielen, um »Szenen des Lebens in sich als außer sich darzustellen«. Denn »er fand sich hier gleichsam mit allen seinen Empfindungen und Gesinnungen wieder, welche in die wirkliche Welt nicht paßten«.
Mit »einem einzigen Dukaten« nur entflieht Reiser nach Erfurt, wo er auf die Theatertruppe von Ekhof stößt, der er dann nach Gotha folgt. Gespräche mit Ekhof bestärken den Glauben an das eigene Genie, doch die Hoffnung auf ein Engagement erfüllt sich nicht. Mittellos muß er nach Erfurt zurückkehren, wo ihm durch private Gunst Studium und Lebensunterhalt gewährt wird. Wie schon zuvor, empfindet er dies bald als ein »Versinken in die niederträchtigste Abhängigkeit«, und obwohl sein Theatertalent und seine Gedichte ihm unter den Studenten zu Ansehen verholfen haben, schließt er sich der Speichschen Schauspielergesellschaft an und geht mit ihr nach Leipzig, denn »das Theater als die eigentliche Phantasienwelt sollte ihm also ein Zufluchtsort gegen alle diese Widerwärtigkeiten und Bedrückungen sein«. In Leipzig jedoch steht die Truppe infolge der Veruntreuung des gesamten Fundus durch den Prinzipal vor dem Nichts. Hier bricht das Werk ab.
Moritz führt, und darin liegt die Bedeutung und Modernität seines Textes, ein ganzes Bündel von Ursachen für die psychische Deformierung seines Helden an. Neben den religiösen Zwängen der Zeit sind es vor allem die sozialen Verhältnisse, die das Minderwertigkeitsgefühl des jungen Anton Reiser verstärken: »Im Grunde war es das Gefühl der durch die bürgerlichen Verhältnisse unterdrückten Menschheit, das sich seiner hiebei bemächtigte, und ihm das Leben verhaßt machte . . . was hatte er vor seiner Geburt verbrochen . . . warum erhielt er gerade die Rolle des Arbeitenden und ein andrer des Bezahlenden?« Kompensation und Rettung sucht Reiser vor allem in der Kunst, die ihm nicht zur Möglichkeit kreativer Tätigkeit, sondern zu einer Ersatz- und Scheinwelt wird, zum Mittel, der Wirklichkeit zu entfliehen: »ein Resultat seines Lebens . . ., wodurch er von Kindheit auf, aus der wirklichen Welt verdrängt wurde, und da ihm diese einmal auf das bitterste verleidet war, mehr in Phantasien, als in der Wirklichkeit lebte«. Der Topos des dilettierenden Künstlers entwickelt sich hier, und Moritz veröffentlichte denn auch den vierten Teil seines Romans 1792 in Wielands ›Neuem Teutschen Merkur‹ unter dem Titel: Warnung an junge Dichter.
Eine Lösung des Grundkonflikts seines Heldens, der »im Grunde immer ein doppeltes, ganz voneinander verschiedenes inneres und äußeres Leben« führte, gibt das Werk, darin dem Bildungsroman der Zeit völlig entgegengesetzt, nicht: »Anton Reisers entwicklungsunfähiger Entwicklungsgang verliert sich im Ungewissen. Aber was man dem Roman oft zum Vorwurf gemacht hat, diese als unkünstlerisch beanstandete monotone Wiederkehr des Gleichen, eben das macht seine Stärke aus. Sein Wert als experimentalpsychologisch strukturiertes und soziologisches Dokument beruht nicht zuletzt darauf, daß er es verschmäht, zu harmonisieren. In dieser Hinsicht ist er sogar Goethes »Wilhelm Meister« überlegen« (H. J. Schrimpf).
KLL
Redaktion Kindlers Literatur Lexikon
AUSGABEN: Bln. 1785–1790, 4 Bde. – Heilbronn 1886, Hg. L. Geiger. – Mchn. 1971, Hg. u. Nachw. K.-D. Müller [vollst. Text nach d. Erstausg.]. – Ffm. 1981 (in Werke, Hg. H. Günther, 3 Bde., 1). – Stg. 1984, Hg. W. Martens (m. Textvarianten, Erl. u. Nachw.; RUB). – Ffm. 1985 (Nachw. M. v. Brück; Insel Tb). – Mchn. 1987, Hg., Erl. u. Nachw. E.-P. Wieckenberg. – Nördlingen 1988, Hg. P. u. U. Nettelbeck.
LITERATUR: H. Eybisch, Anton Reiser. Untersuchungen zur Lebensgeschichte von K. Ph. M. und zur Kritik seiner Autobiographie, Lpzg. 1909. – K. Hoffmann, K. Ph. M.' »Anton Reiser« u. seine Bedeutung in der Geschichte des dt. Bildungsromans, Diss. Breslau 1923. – M. Werthmann, Die Bedeutung des Romans »Anton Reiser« von C. Ph. M. für die Erziehungsgeschichte u. Theorie der Pädagogik, Diss. Wien 1932. – J. Neumann, K. Ph. M.: »Anton Reiser«, ein psychologischer Roman (in Psyche, 1, 1947/48, S. 222–257; 358–381). – R. Ghisler, Gesellschaft u. Gottesstaat. Studien zum »Anton Reiser«, Winterthur 1955. – H. J. Schrimpf, K. Ph. M., »Anton Reiser« (in Der dt. Roman vom Barock bis zur Gegenwart, Hg. B. v. Wiese, Bd. 1, Düsseldorf 1963, S. 95–131). – H. R. Vaget, Das Bild des Dilettanten bei M., Schiller u. Goethe (in FDH, 1970, S. 1–31). – G. v. Graevenitz, Innerlichkeit u. Öffentlichkeit. Aspekte deutscher ›bürgerlicher‹ Literatur im frühen 18. Jh. (in DVLG, 49, 1975, Sonderh., S. 1–82). – J. Fürnkäs, Der Ursprung des psychologischen Romans. K. Ph. M.' »Anton Reiser«, Stg. 1977. – R. van den Bergh, Der Weg in die »Republik der Geister«: Studien zu K. Ph. M.' »Anton Reiser«, Diss. Mainz 1986. – L. Müller, Die kranke Seele u. das Licht der Erkenntnis: K. Ph. M.' »Anton Reiser«, Ffm. 1987. – M. Born-Wagendorf, Identitätsprobleme des bürgerlichen Subjekts in der Frühphase der bürgerlichen Gesellschaft: Untersuchungen zu »Anton Reiser« u. »Wilhelm Meister«, Pfaffenweiler 1989.v
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